von Matthias Ludwig (25/1)

1950 begann mit der Internationalen Bodensee-Messe (IBO) der Aufstieg des Messestandorts Friedrichshafen. Bald ein gefragter Messeplatz in Süddeutschland bzw. der Bodenseeregion, entstand schon 1954 ein größeres Messegelände. 1968 zog man um auf ein umfänglicheres Areal an der Meistershofener Straße nördlich des Stadtzentrums. Es erfolgte ein Ausbau in mehreren Etappen, ehe 2002 ein erneuter Umzug anstand, jetzt an die nordöstliche Stadtperipherie. Dort wurde die vom Büro gmp (Volkwin Marg und Wolfgang Haux mit Hauke Huusmann) entworfene, bis heute genutzte Neue Messe Friedrichshafen gebaut – mit mehr Expansionsmöglichkeiten auf Zukunft.  Das Gelände an der Meistershofener Straße gab man als Standort auf, bestehen blieb aber die Messehalle 1, bekannt als „Bodenseehalle“. Sie wurde in den 1960er Jahren vom damals jungen Architekten Josef Wund (1938–2017) geplant und galt als größte freitragende Gasbeton-Hängedach-Halle Deutschlands, vermutlich gar weltweit. Auf rechteckigem Grundriss war sie mit Seiltragwerk und vorgespannten Stahlbetonfertigteilen entwickelt, hervor stach die eindrückliche wie technisch ungewöhnliche, unverkleidet belassene Dachkonstruktion.

Friedrichshafen, Messehalle 1 während der „Interboot“ (Bild: vermutlich Werbepostkarte um 1980)

Von der Messehalle zur Sportarena

Nach der Aufgabe des alten Messegeländes erhielt die Halle 1 nun eine neue Nutzung – sie wurde von Juni bis Dezember 2003, unter Beteiligung von Josef Wund, zur Multifunktionsarena umgebaut. In dieser Form diente sie fortan insbesondere Spielen des Volleyball-Bundesligisten VfB Friedrichshafen, mehrfach Deutscher Meister und Pokalsieger, die auf internationaler Ebene bis zum Sieg in der Champions League führten. 12,80 m hoch, bot sie bis zu 4000 Sitz- und Stehplätze auf Tribünen, Parkett und Balkon. Ihr zugehörig ist weiters ein großzügiges Foyer mit Bewirtung, das ebenfalls für Veranstaltungen genutzt werden kann, ein ausgedehnter VIP-Bereich mit 270 Plätzen, ein Sport-Leistungszentrum sowie zwei vollformatige Trainingshallen und ein voll ausgestatteter Bereich für Kunstturnen. Firmierend zunächst als „Arena Friedrichshafen“, seit 2008 als „ZF Arena“, diente sie neben weiteren Sportveranstaltungen – darunter Schul- und Vereinssport – auch Konzerten, Shows, Präsentationen und Firmenveranstaltungen. Das hängende Dach blieb ihr Markenzeichen. 

Friedrichshafen, ZF-Arena beim MTU-Cup  2019 (Bild: Oberschwabe1, CC BY-SA 4.0)

Friedrichshafen, ZF-Arena beim MTU-Cup, 2019 (Bild: Oberschwabe1, CC BY-SA 4.0)

Latente oder akute Gefahr?

2019/20 stellte man erhebliche bauliche Mängel fest – zunächst an der Außenfassade, etwa an Betonteilen, dann an der Drahtglasfassade, vor allem aber den Tragseilen des Dachs. Angesichts latent – nicht akut – erachteter Einsturzgefahr wurde die Halle daher Ende September 2020 aus Sicherheitsgründen gesperrt. Es begann ein Tauziehen um ihre Zukunft: Die Stadt tendierte schnell zu Aufgabe und Abriss; in einer Pressemeldung hieß es, eine Sanierung sei aufgrund des Alters, der besonderen Konstruktion und des damit verbundenen Aufwands nicht sinnvoll.

Das Landesamt für Denkmalpflege stellte den Bau indes 2021 als Kulturdenkmal gem. § 2 DschG unter Schutz: Von 1966 bis 1968 errichtet, ist die „… ehemalige Messehalle 1 in Friedrichshafen […] eine kühne Konstruktion und ingenieurtechnische Meisterleistung der 1960er Jahre. Sie überzeugt durch ihre klare und schlichte Formgebung. Bauwerk und Tragwerk sind nahezu identisch. Sämtliche Bestandteile der Halle: Zugseile, Dachhaut, Wandstützen und Fundamente übernehmen tragende Funktion. Der Lastabtrag ist klar ablesbar. Die Spannseile binden klug in die Stahlbetonstützböcke ein, sodass auf Stabilisierungsseile, Diagonalen oder auch Seilstreben verzichtet werden konnte. Diese außergewöhnliche und spektakuläre Konstruktion, die bei der ehemaligen Messehalle im Gegensatz zu anderen Gebäuden mit Hängedächern sichtbar gelassen wurde, machte das Gebäude zu einem neuen Wahrzeichen der wieder aufgebauten und wirtschaftlich florierenden Stadt Friedrichshafen“ – so der Denkmaleintrag in Kurzfassung.

Friedrichshafen, Messehalle 1 (Scan: Werbeheft der Firma Rostan, „Rostan-Echo“, 1969)

Dokumentation statt Erhalt

Dem pflichtete auch die Nachkommenschaft des Urheberarchitekten – in Form der Josef Wund Stiftung – bei, die ebenfalls auf die architektonisch herausragende Bedeutung des entsprechend bauhistorisch wertvollen Bauwerks verwies. Die Stadt jedoch blieb bei ihrer ablehnenden Haltung, Abriss und Neubau eines Sportzentrums bevorzugend. Dabei hebt sie vor allem den Schul- und Vereinssport als Nutzer hervor. Freilich drängt auch der VfB Friedrichshafen, zwischenzeitlich in Provisorien untergekommen, auf eine neue, dauerhafte Spielstätte für seine Profivolleyballer.

Seitens der Stadtverwaltung wurden schließlich drei Planungsvarianten für einen Neubau vorgelegt, mindestens eine den Schulsport als Nutzungsschwerpunkt – im Sinne kommunaler Pflichtaufgabe – präferierend. Das Regierungspräsidium in Tübingen als höhere Denkmalschutzbehörde hat dem Ansinnen der Stadt Ende 2024 stattgegeben, die alte Halle abzureißen – unter hohen Auflagen: So muss die Anlage samt Schadensstand vor dem Abriss umfassend fotografisch dokumentiert werden. Auch sind ein Plansatz von Bestand wie Bauzeit inklusive Farbgebung auszufertigen.

Friedrichshafen, ZF Arena, 2020 (Videostill VfB Friedrichshafen via Facebook)

Wer hat soviel Geld?

Der Verlust des höchst eindrücklichen Bauwerks am Nordostrand des Riedleparks in Friedrichshafen scheint damit kaum mehr abwendbar. Ob der Neubau eines Sportzentrums samt vorlaufendem, bautechnisch höchst aufwendigem Abriss der alten Halle kostengünstiger kommen wird als deren Sanierung, scheint mindestens diskussionswürdig. So steht das Gebäude konstruktionsbedingt – aufgrund des besonderen Dachaufbaus – unter Spannung, muss der entsprechend komplexe Abbruch umfassend fachlich geplant, entwickelt und geprüft werden.

Dem gegenüber stehen heute mehr denn je zu berücksichtigende Faktoren im Bauwesen einzufordernder Nachhaltigkeit, einschließend etwa Energieaufwand, Umweltbelastung, Transportaufkommen, Entsorgung/Verwertung/Deponierung etc., wie insgesamt zu beachtender Klimaschutz und sorgsamer(er) Umgang mit Grauer Energie sowie begrenzten Ressourcen. Hinzu tritt der baukulturelle Verlust dieser sehr besonderen Konstruktion eines geschwungenen, hängenden Daches, die Josef Wund selbst als sein Meisterstück betrachtete. Schließlich scheint ein Neubau unter den gegenwärtigen ortsspezifischen Vorgaben und Bedürfnissen aber auch kaum mehr das – weitgespannte – Programm der alten Halle zwischen Sport und Kultur erfüllen zu können. Womöglich wird es in ihrem Ersatz gar zu (mindestens) zwei Hallenneubauten, einem Sportzentrum und einer Multifunktionsarena kommen – so sich dies in wirtschaftlich zunehmend angespannten Zeiten als tatsächlich tragfähig und finanzierbar erweisen sollte.

Friedrichshafen, Messehalle 1, Interboot (Scan: Werbeheft der Firma Rostan, „Rostan-Echo“)

Der Architekt Josef Wund

Josef Wund wurde 1938 in Eriskirch-Mariabrunn nahe Friedrichshafen geboren. In der Nachkriegszeit absolvierte er zunächst eine Maurerlehre, ehe ihm später ein Architektur- und Bauingenieurstudium möglich wurde. Er begann als angestellter Architekt, später entstand die Partnerschaft Knittel und Wund Architekten. Wesentlich im regionalen Wohnungs- und Gewerbebau tätig, wurde er selbstständig – und realisierte, kaum dreißigjährig, die 1968 eröffnete Messehalle 1 in Friedrichshafen. Dem folgten bundesweit große Industriebauten, die er schließlich schlüsselfertig anbot. In den 1980er Jahren wandte sich Wund dem Freizeitbereich zu. Hierfür entwickelte er zahlreich Technologien für bewegliche Baukonstruktionen. Innovativ waren auch bewegliche Bodenkonstruktionen oder Systeme zur Rasenbelüftung, die etwa Fußballstadien oder Arenen multifunktional nutzbar machten.

Seine wohl größte Bekanntheit erlangte er ab den 1990er Jahren mit der Erstellung von Thermenanlagen, die er mit seinem Sohn Jörg Wund, ebenfalls Architekt, plante, umsetzte und auch betrieb. Herausragend wurde der Bau der Therme Erding, die zur größten der Welt anwuchs. Federführend tätig war der bald als „Bäder-“ bzw. „Thermenkönig“ bekannte Josef Wund auch in Bad Wörishofen, Titisee-Neustadt, Sinsheim und Euskirchen. Letztere drei liegen heute in Händen der Josef Wund Stiftung gGmbH und werden durch die Wund Holding GmbH verwaltet. Josef Wund, der deutschlandweit zahlreich Industriebauten, Tennishallen und Krankenhäuser sowie den Deutschen Pavillon zur EXPO 2000 in Hannover entwarf und realisierte, kam 2017 bei einem Flugzeugabsturz nahe Ravensburg ums Leben. Eine seiner letzten Planungen, der Neubau einer Thermenanlage in Bad Vilbel, harrt noch der Realisierung.

Hannover, Expo 2000, Deutscher Pavillon, 2000 (Bild: Steffen Löwe via Wikimedia Commons, CC BY 3.0)

Friedrichshafen, ZF Arena um 2019 (Bild: Fruchtzwerg 94, CC BY-SA 3.0)

Friedrichshafen, ZF Arena, um 2019 (Bild: Fruchtzwerg 94, CC BY-SA 3.0)


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Keine Werbung (Bild: Dennis Skley, CC BY ND 2.0, 2015, via flickr.com)

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